Leben Minimalismus

Lieber allein als falsche Freunde! Warum es manchmal besser ist, alleine zu bleiben

Lieber allein als falsche Freunde!

„Ich tue … für Dich und Du dann … für mich. DEAL?“

Ich wusste, dass ich in Schwierigkeiten war, als ich diese seine SMS las.

Ich wusste, dass ich mit einem Menschen zu tun hatte, der in Kategorien von Deals denkt und es wahrscheinlich gar nicht anders kannte. Ich konnte nicht länger verdrängen, was ich im Grunde von Anfang an wusste: Das es eben keine wahre Freunschaft war, sondern die gegenseitige Bedürfnisbefriedigung, das Ausagieren von Mustern, die sich perfekt ergänzen, eine Handelsgesellschaft. Zwei Bettler, die zusammen kommen und hoffen, der andere wirft ihm noch ein paar Brotkrummen vor die Füße.

Wenn ich in der Gegenwart eines echten Freundes bin, dann weiß ich das. Ich möchte in der Gegenwart der Person sein, einfach weil sie mich glücklich macht durch ihr pures So-Sein-Wie-Sie ist. Ich mag die Person einfach um ihrer selbst willen, nicht um dessen willen was sie für mich tun könnte oder in der Zukunft sein könnte.

ER hingegen interessierte mich nicht besonders, denn er interessierte sich in keiner Weise für mich. Ich war für ihn nur eine Empfangsstation, in die er stundenlang texten konnte. So sah unsere erste Begegnung aus. Warum ich das mitgemacht habe? Keine Ahnung. Vielleicht Mitgefühl für eine leidende Seele. Er schien das zu brauchen, also dachte ich, ich gebe ihm das. Vielleicht war ich auch einfach nur sowieso da und hatte nichts besseres zu tun.

Dann wendete es sich. Ich erkannte, dass er mich dorthin bringen konnte, wo ich hinwollte. Als ich dann da war, erkannte ich, dass ich mit ihm lieber nicht da sein wollte. Ich fluchte, denn ich hätte die Reise lieber alleine gemacht oder gar nicht.

Die Karotte vor meiner Nase, in die ich allzu vorschnell gebissen hatte, war vergiftet. So wie alle Karotten dieser Welt war sie einfach nichts wert. In wieviele Karotten werde ich noch beissen müssen, bevor ich das wirklich zutiefst verinnerlicht haben werde?

Heiraten kann ein Deal sein. Es fängt als wahre Liebe an. Ich liebe die Person um ihrer selbst willen (oder was ich in ihr glaube zu erkennen). Dann möchte ich das Glück, dass ich in der Gegenwart dieser Person empfinde, für immer festhalten, zementieren. Die Beziehung wird in Verträgen festgezurrt. Ich liebe Dich, und Du sollst mich auch morgen noch so glücklich machen wie heute und ich möchte, dass Du Deine Liebe nur mir schenkst. Doch nur allzu oft verlieren wir das Glück, wenn wir es festhalten wollen…

Deals haben in Freundschaften und in der Liebe nichts zu suchen. Es ist ein Begriffs aus der Welt des Business und dort hat es auch seine Berechtigung.

Wenn ich morgens Hunger habe, bringe ich ein paar Euros zum Bäcker und er gibt mir frischgebackene Brötchen. Deal.

Wenn ich Probleme habe und jemanden brauche, den ich stundenlang davon erzähle, ohne etwas zurückgeben zu müssen, dann gehe ich zum Psychologen und die Krankenkasse bezahlt das dann. Deal.

Dazu müssen wir nicht so tun, als ob wir Freunde sind, obwohl Freundlichkeit all diese Deals (hoffentlich) begleitet und die Dienstleistungen (hoffentlich) mit Liebe erbracht werden.

Echte Freunde machen keine Tauschgeschäfte, sie beschenken sich gegenseitig. Wir sind uns selbst gegenseitig das größte Geschenk. Wir teilen gerne unsere Zeit miteinander, wir teilen Einsichten, Gedanken und Gefühle miteinander. Es ist kein Kampf um Energie, sondern sich gegenseitig sehen, hören und wertschätzen fließt ganz natürlich. Vielleicht fühle ich mich zum ersten Mal wirklich gesehen, weil ich einen Seelenverwandten gefunden habe, der mich versteht. Natürlich sind wir für einander da, wenn wir uns brauchen. Aber das ist nicht der Grund, warum ursprünglich zusammenfanden. Der Gedanke „Diese Person könnte mir mal nützlich werden.“ hat keinen Raum.

Was den Deals in freundschaftlichen und Liebesbeziehungen so einen faden Beigeschmack gibt, ist das sie meistens unausgesprochen sind. Der Sex mit Dir erfüllt mich nicht wirklich, aber ich spiele mal mit, weil ich die Geborgenheit und Sicherheit will, die Du mir gibst. Was Du mir erzählst, interessiert mich nicht wirklich, aber ich tue mal so, als würde ich zuhören, weil ich Angst davor habe, alleine zu sein und Du bist besser als nichts. Zweite Wahl sozusagen. Man nimmt, was man kriegen kann, oder?

Meine Reise mit dem Minimalismus fing damit an, Gegenstände auszusortieren. Irgendwann kam ich den Punkt, an dem es besser war, NICHTS zu haben, als Zeug zu besitzen, das einfach nur in der Gegend herumsteht, den Raum mit Gerümpel zustellt, um den latenten Mangel zu kaschieren. Wenn ich 10 Pullis besitze, die mir alle nicht passen und die ich alle nicht mag, dann gebe ich alle zehn weg, ziehe mir statt dessen meine einzige Lieblingskuscheljacke an und schaue der Tatsache ins Auge, dass ich keinen einzigen Pulli besitze, zumindest keinen, den ich mag. Aber die sind ja jetzt weg, zum Glück. Es bringt Klarheit. Es offenbart, was ich wirklich habe, und was ich wirklich brauche. Vieles brauchen ist nur eingebildet, aber das merke ich erst, wenn diese Dinge weg sind.

Menschen sind keine Gegenstände. Und dennoch –  möchte ich mich mit Menschen umgeben, die ich nicht wirklich liebe, die mich nicht wirklich glücklich machen, und das ganze meistens auf Gegenseitigkeit? Aus Gründen der Loyalität und um alter Zeiten willen, in denen es vielleicht einmal tatsächlich wahre Liebe gab, zögerte ich oft Menschen loszulassen und scheute dem Schmerz ins Auge zu schauen, dass es keine wahre Freunschaft (mehr) ist. Doch letzten Ende ist es besser für mich, alles loszulassen, was nicht meinem Wesen und meiner tiefsten Wahrheit entspricht.

Und auch für die Menschen, die ich ziehen lasse, ist es besser! Denn sie haben es verdient, vielleicht für jemand anders ein wahrer Freund zu sein. Wenn wir es füreinander nicht sind, ist es besser, wenn wir uns freigeben.

Ich habe lieber eine echte Freundin als zehn falsche. Und wenn ich keinen einzigen wahren Freund habe, ist es besser für mich, allein zu sein und den Schmerz der Einsamkeit zu fühlen. Besser alleine einsam sein, als den Schmerz der Einsamkeit mit schlechter Gesellschaft zu betäuben und dennoch nicht ganz ausschalten zu können.

Die Einsamkeit ist Sehnsucht nach wahrer Freunschaft, wahrer Liebe. Eben diese Sehnsucht wird wahre Freunde in unsere Leben rufen. Allerdings nur wenn Raum dafür da ist und unsere Zeit nicht mit Deals und Zweckgemeinschaften begelegt ist.


Weiterlesen auf marcella.berlin! Angst vor dem Alleine sein – oder davor, Dir die Art von Menschen in Dein Leben zu holen, die Dir wirklich entsprechen? Wütend darüber, wie Du von angeblichen Freunden behandelt wurdest? Traurig, weil Du enttäuscht wurdest? Nütze die Kraft der Gefühle! Deine Gefühle wollen Dir helfen, zu ändern, was sich ändern lässt. Zu akzeptieren was Du nicht ändern kannst. Und neue Wege zu finden, wo Du nicht weiter weißt.

Merken

2 Comments

  1. Dank Marcella,
    ja leider sind die Begriffe Deal, Profit, Karriere je nach Gebrauch positiv oder negativ besetzt. Es gibt ja zum Glück auch den positiven „Handel“ der strait auf gegenseitige Gewinnabsicht setzt.
    Scheinbar nehmen uns indifferente Beziehungen ( wer weiss schon immer welche Freundschaft uns in welcher Situation treu bleibt ) einen Teil unserer Energie. Und „ziemlich gute Freunde“ sind primär nur jene die unserer Seele keinen Ballast aufbürden, Freiraum für unsere Wahrnehmung lassen, uns sofort in Ruhe lassen wenn sie uns auf den Wecker gehen. Ad hoc allein mit sich ist man, idealerweise, (kon-) zentrierter.
    Dennoch lassen wir uns aus Neugierde ganz gern auf verschiedene Charaktere ein. Suchen uns vielleicht im vitalen weissen Umfeldrauschen einen subjektiven Grundton.
    Vermeintliches Geschmäckli und/oder Versagensgefühle – das führt mich zu Deinem Beitrag über Gefühle

  2. Hey Willi, vielen Dank fürs Teilen Deiner Gedanken und viel Spaß beim Lesen über Gefühle 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.